27. August 2012 tobias

Fazit Campus Party Europe in Berlin (privat)

Die nüchternen Zahlen habe ich ja schon bereitgestellt. Meine privaten Gedanken und Schlüsse, die ich aus der Campus Party Europe ziehe, wollte ich jedoch noch einen Tag sacken lassen. Aber von vorn:

Das erste offizielle Meeting mit den Veranstaltern der Campus Party fand Mitte-Ende Juni in Berlin statt und damals dachte ich „was für eine größenwahnsinnige Gemischtwarenkonferenz!“

Es ist jedoch so: Ich mag verrückte Ideen, was dazu führte, dass Futura Networks und white whale communications nach einigen Iterationen zusammen fanden. Die Arbeit startete dann Mitte Juli und die Aufgabe war klar umrissen: „Macht die Campus Party Europe in Deutschland bekannt.“ So setzten wir mit minimalem organisatorischen Overhead und einem kleinen Team eine Publikationsmaschine in Gang, die gegen mehrere klassische PR-Regeln verstieß und viereinhalb Wochen lang vier Pressemitteilungen pro Woche ausspuckte, um alleine den Themenumfang der Konferenz bei Mainstream- und Fachmedien bekannt zu machen. Die 24 Themenkomplexe wurden von uns einzeln durchgearbeitet und die spannenden Stories hinter den Referenten beleuchtet. Sekundiert von aktiver Journalistenansprache und Medienpartnerschaften bauten wir eine Grundaufmerksamkeit auf und konnten erste Artikel und Interviews arrangieren.

Was jedoch viel wichtiger ist: Im Laufe dieses Prozesses stellte ich persönlich fest, dass mich die Themen der Konferenz immer mehr begeisterten. Und auch wenn ich selber keinen einzigen Vortrag auf der Konferenz hören konnte, so stellte ich im Gespräch mit unseren PR-Assistenten, die ja fast alle Vorträge redaktionell begleitet haben, fest, dass die Vielfalt und die Breite des Programm ihnen ganz neue Einblicke bot und sie begeisterte. Dass es dabei an der Akustik haperte, ist zwar ärgerlich, aber Luft nach oben war bisher bei wirklich jeder Veranstaltung, die ich besucht habe.

Foto by Tilman Vogler

Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt dann auch Judith Horchert bei Spiegel Online:

Dabei hätte die europäische Campus Party großes Potential: Junge Technikbegeisterte aus verschiedenen Ländern treffen sich, und zwar nicht immer nur die gleichen Nasen, die man ohnehin auf jeder Konferenz trifft. Es könnte ein europäischer Dialog werden, zwischen Hackern und Social-Media-Experten, zwischen Gamern und Aktivisten, zwischen Hardwarebastlern aus Spanien und App-Programmieren aus Polen. Ein so buntes Computerfest würde sich in Deutschland gut machen.

Ich jedoch möchte das „hätte“ durch ein „hat“ ersetzen. Die Grundlagen sind vorhanden, aber sie wurden nicht genutzt. Dabei meine ich nicht die Veranstalter, sondern das mögliche Publikum, die sich gerne um sich selbst drehende Netzszene. Und diese Erkenntnis, die vorher nur ein unbestimmtes Bauchgefühl bei mir war, verdanke ich der Campus Party Europe.

Gerade in Berlin dreht man sich in den letzter Jahren quasi ausschlieslich um die Themenkomplexe Startups/Inkubatoren/Entrepreneurship, Netzpolitik/Urheberrecht/Netzneutralität und den wabernden Themenbrei Social Media. Die spinnerten Themen, die verrückten und inspirierenden Experimente, all das, was die Nerdkultur eigentlich ausmacht, ist zu purem Beiwerk verkommen. Der Spass am Objekt ist einer neuen Ernsthaftigkeit gewichen. Jenseits der eigenen Blase wird alles mit dem Adjektiv „unwichtig“ versehen, ignoriert und man gibt sich nicht einmal mehr die Mühe diese ganzen Subkultuen, die Vielfalt und die Passion dahinter zu verstehen. Das ist nicht nur schade, das ist FATAL.

Meine Konsequenz aus dieser Erkenntnis:
Ich werde versuchen, diese Aspekte wieder stärker in meinen Projekten unterzubringen. Das beinhaltet freie Projekte, die ich ehrenamtlich durchführe oder begleite und Kundenprojekte, die natürlich auch den Zweck haben, dem jeweiligen Kunden zu nutzen. Ich werde meinen Kunden noch stärker zu mehr Mut im Umgang mit Verrücktheiten raten, zu Experimentierfreude und Spass am Objekt. Denn auch, wenn die deutsche Netzszene so gerne „kommerziell“ schreit, wenn auch nur ein Logo irgendwo hängt, so kosten Veranstaltungen halt auch Geld, egal, wie viel Arbeit und Idealismus man hineinsteckt. Es täte daher gut, wenn man sich hierzulande auch in diesem Punkt mal etwas locker machen könnte und einfach zum gegenseitigen Nutzen zusammen arbeitet.

PS: Danke Content-Team!

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Comments (9)

  1. myname

    Ihre Arbeit in allen Ehren, und ja die CPEU ist bekannt geworden – aber die Vorberichterstattung bzw. Bekanntmachung war praktisch mit einer Null-Präsenz im Web (auf relevanten Channeln/Sites) vertreten. Dieses muss beim nächsten Mal besser werden.

    Wieviele Leute, als CP gestartet ist, haben sich auf einmal gefragt “CP – jemand was davon mitbekommen?”
    Glaub ich bin auch erst selber über einen SPON Artikel gestolpert (wohlgemerkt von Tag 1 der Veranstaltung), irgendwann zog heise nach, und neben Posts von “Berühmtheiten” aus dem deutschen Webraum, die ebenfalls verwundert waren, kann ich mir gut vorstellen, dass so ziemlich einige Leute es nicht früh genug mitbekommen haben. Ganz zu schweigen von der Schweiz aus, aus der ich Ihnen schöne Grüsse sende.

  2. Andreas

    Lieber Tobias,

    nur ein kurzer Hinweis von mir: “spinnerte Themen, die verrückten und inspirierenden Experimente” auf 100% subventioniertem Grund ist aus meiner Sicht keine Basis für Subkultur sondern das Gegenteil.
    Desinteresse an der CP mit Desinteresse an Sub-/Nerdkultur gleichzusetzen halte ich für quatsch.

    • tobias

      Hallo Andreas,
      ich freue mich sehr darauf, dass Ihr nächstes Jahr Themen wie Gaming, Modding und Astronomie auch mit abdecken werdet. Und das größere Konferenzen nicht mit Eintrittsgeldern finanziert werden können, darüber sind wir uns ja wohl einig.

      • Andreas

        Ich glaube du vermischst da was. Aber das war wohl auch das Ziel deiner Antwort.
        Ich wollte eher darauf raus, dass Du einen (aus meiner Sicht) unauflöslichen Widerspruch formuliert hast. Man kann nicht beides haben.

      • tobias

        Genau das sehe ich nicht so. Meiner Meinung nach ist das “Wir sind die nichtkommerzielle Subkultur” genau das Problem, aufgrund dessen man an so vielen Stellen den A**** nicht hochbekommt. Die Lösung ist meiner Meinung nach der offene Umgang miteinander.

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